Was sind eigentlich NFTs und was fangen Künstler*innen damit an?

Das Thema der Krypto-Kunstwerke und NFTs hat den Mainstream erreicht. Was aber steckt hinter drei Buchstaben ? Geht’s dabei um eine demokratisierte Kunstwelt oder um abstrakte Finanzspiele? Und was hat die Klimakrise damit zu tun? Ein Annäherungsversuch.

Überall nur drei Buchstaben. N, F und T. Avantgardistische Künstler*innen wie Grimes reden davon, aber auch Mega-Brands wie Nike sind längst dabei. Big Player und (ehemalige) Underground-Artists, die auf neue Tech- und Finanz-Züge aufspringen? Wenig überraschend. Wenn aber selbst, sagen wir, im Jobtitel experimentierfreudige Menschen wie Lindsay Lohan längst in die Krypto-Kunst eingestiegen sind, wie sehr hinkt der Rest von uns dann hinterher? Zeit für ein Update.

Seit ein paar Monaten sorgen NFTs besonders für Gesprächsstoff

Nachdem sie schon zuvor mit Krypto-Kunst experimentiert hatte, veröffentlichte Lohan ihre neuen Song „Lullaby” (ja, sie singt noch/wieder) als „non-fungible Token”, genannt NFT. Bei NFTs handelt es sich um „einzigartige Datei[en], die man nicht mehr vervielfältigen kann wie sonst bisher alles in der digitalen Welt”, heißt es in der Süddeutschen Zeitung. Teil davon seien alle (Datei-) Formen, die sich „in Codes zerlegen” lassen. Dazu aber gleich mehr. Lindsay Lohan jedenfalls scheint mit Zahn der Zeit zu gehen. Mit ihrem Release reiht sie sich in eine Währungs- und Wirtschaftsentwicklung ein, die schon seit 2015 Thema ist, innerhalb der letzten Monate aber deutlichen Auftrieb bekommen hat. In den letzten vier Wochen ging es dabei nicht ausschließlich um die Arbeit von Künstler*innen. Auch Firmen wie Microsoft oder die NBA handeln mit NFTs. Beliebter werden sie aber gerade in der (virtuellen) Kultur-Bubble.

 

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Eine digitale Werkreihe bringt 69 Millionen Dollar

Da wäre zum Beispiel eine Reihe digitaler Werke des Künstlers Beeple, die beim renommierten Auktionshaus Christie’s mal eben so 69 Millionen Dollar über den Tisch gehen ließen. Aber auch breiter bekannte Kulturschaffende haben eingeheimst. Grimes verkaufte Bilder und Videos im Wert von 6 Millionen Dollar, Popstar Halsey launchte eine Reihe exklusiver NFT-Kunstwerke. Princess Nokia und Lourdes Leon sind Teil einer Ausstellung in der ersten physischen NFT-Galerie in New York. Es muss noch nicht mal ein Mensch dahinter stehen: Laut Süddeutscher Zeitung verkaufte sich auch ein NFT-Selfie des bekannten Roboters Sophia in dieser Woche für 680.000 Dollar.

„Wo Bitcoin als digitale Antwort auf Währung bejubelt wurde, werden NFTs als digitale Antwort auf Sammelstücke gehandelt” – BBC

Das alles klingt spannend. Wenn Mensch es denn versteht. Denn wer über NFTs Bescheid wissen will, braucht Vorwissen in Sachen Blockchain und Krypto-Währung. Hat man hier zumindest die Basics (Unabhängigkeit von großen Institutionen wie Banken, Verhinderung von Fälschung der Transaktionen etc.) verstanden, kann sich mit NFTs auseinandergesetzt werden. Einen komplexen, dafür sehr unterhaltsamen Erklär-Artikel hat The Verge hier veröffentlicht. AdWeek wiederum schildert das Phänomen ein wenig simpler. Und die BBC nutzt folgenden Vergleich: „Wo Bitcoin als digitale Antwort auf Währung bejubelt wurde, werden NFTs als digitale Antwort auf Sammelstücke gehandelt”.

 

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NFT, WTF? Eine grobe Begriffserklärung

Bezeichnet man etwas als „non-fungible” bedeutet das, dass es nicht durch andere Dinge ersetzt, ausgetauscht oder verändert werden kann. Die BBC nutzt hierzu das Beispiel eines 10-Pfund-Scheins, der durch zwei 5-Pfund-Scheine ersetzt werden kann, ohne an Wert zu verlieren. Bei einem NFT geht das nicht – und wiederum doch. NFTs sind oft eben digitale Werke, die zwar vierverfältigt und geteilt werden können. Den „wahren” Song zum Beispel, das Eigentum, besitzt aber nur ein* Einzige*r. Ein wenig kann man sich das vorstellen wie eine Art Zertifikat oder Urkunde. Diese Eigentümerschaft kann in der Blockchain klar nachvollzogen werden. Und weil es von dieser Blockchain tausende Duplikate auf Computern der ganzen Welt gibt, kann sie nicht gefälscht werden.

Künstler*innen verdienen auch dann noch, wenn ein NFT weiterverkauft wird

Das bedeutet allerdings nicht, dass der*die Künstler*in damit alle Urheberrechte am Werk abtritt. Im Gegenteil, oft verdient der- oder diejenige noch daran: NFTs können weiterverkauft werden. Damit werden die „tokens”, also der Besitz des originalen Werks, in der Blockchain übertragen. Hier wird gerne der Vergleich zu Sammelkarten à la Pokémon gezogen, die es in mehrfacher Weise gibt. Gleichzeitig vergleicht man NFTs aber auch mit der Mona Lisa, wodurch der klarer wird, dass sie tatsächlich nur ein einziges Mal im Original existieren. Na ja, verkauft jedenfalls ein*e Besitzer*in oder Sammler*in das Werk an eine*n andere*n, kann es je nach Vertrag sein, dass der*die Künstler*in bei jedem Weiterverkauf mit zum Beispiel 10% des Umsatzes beteiligt wird.

Wer aber würde das wollen und dafür noch viel Geld auf den Tisch legen, egal in welcher Währung?

Und gerade diese Entwicklung sorgt dafür, dass manche in NFTs mehr Freiheiten und mehr finanziellen Profit für Künstler*innen sehen. Geht es um den Kunstmarkt, ist manchmal auch von einer Demokratisierung die Rede, zumindest insofern, als dass sich Künstler*innen durch NFTs neue Märkte und Plattformen erschließen könnten.

 

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Ein neuer Höhepunkt der Fan-Kultur

Dann gibt es noch die Seite der Käufer*innen und Sammler*innen. Hier kann es ähnlich aussehen wie im realen Art-Business: Käufer*innen haben die Möglichkeit, ihre liebsten Künstler*innen zu supporten, aber auch, auf Werke zu spekulieren, die sich noch stark im Wert steigern könnten. Von der simplen Möglichkeit, mit dem Besitz des NFTs angeben zu können, mal ganz zu schweigen. Wer aber würde das wollen und dafür noch viel Geld auf den Tisch legen, egal in welcher Wärhung? AdWeek verweist hier auf die Zunahme von „Fan Economics“ mit Plattformen wie Patreon, OnlyFans und Co, auf denen Fans die direkte Möglichkeiten haben, ihre liebsten Creator*innen finanziell zu unterstützen und dafür manchmal exklusive Inhalte bekommen.

 

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Spielplatz der Reichen und Klima-Kontroverse: Kritik an NFTs

NFTs bergen aber auch zwei Kritikpunkte. Der erste bezieht sich ebenfalls auf die künstlerische Seite des Themas. Das klingt im Ansatz so: Wenn das Werk überall zu sehen ist und nicht vom Original unterschieden werden kann, existiert es dann lediglich, um mit dem Besitz angeben zu können? Ist das Handeln mit den abstrakten Infos nur ein schwer greifbarer und inhaltsloser Flex auf dem Spielplatz der Superreichen? Wer darf mitspielen und wer nicht? Mal ganz zu schweigen von der Meta-Frage, was als wahre Sammel-Kunst oder Fine Art angesehen wird oder nicht.

NFT = Klimakiller?

Eine wohl größere Rolle spielt aber der zweite Kritikpunkt: Die Gefährdung der Umwelt durch NFTs. Auch dazu hat The Verge einen anschaulichen Beitrag veröffentlicht. Die Kritik liegt unter anderem in der Krypto-Währung Ethereum, mit der NFTs auf Plattformen wie OpenSea, Rarible, Nifty Gateway oder SuperRare oft bezahlt werden. Um die Fälschung dieser Währung unattraktiv zu machen, wurden technisch komplexe Rätsel eingeführt, die unter anderem maschinell hohe Mengen an Elektrizität ineffizient verbrauchen. Andere Sicherungsmodelle sähen weitere „Gebühren” vor, wie eine Art Pfand, die beweisen, dass man Eigentümer*in der Kryptowährung ist. Ausgereift sind diese aber noch nicht.

Welche Modelle für nachhaltig umweltfreundlichen Handel mit NFTs gibt es? Wer trägt die Verantwortung – Künstler*innen, Producer*innen oder Käufer*innen und Sammler*innen?

Aus Kontroversen wie diesen ergeben sich in Sachen Krypto-x-Klimakrise Folgefragen, die die Diskussion um die Umweltverträglichkeit von NFTs zu einem Rattenschwanz macht, dem diese Zeilen nicht gerecht werden können. Ein einzelner Kauf macht vielleicht nicht so viel aus. Was aber, wenn sich das NFT-Trading als echter Trend etabliert – und der ineffiziente Verbrauch rasant steigt? Welche Modelle für nachhaltig umweltfreundlichen Handel mit NFTs gibt es? Wer trägt die Verantwortung – Künstler*innen, Producer*innen oder Käufer*innen und Sammler*innen?

Bevor diese Fragen geklärt sind, könnten schon andere auftauchen. Zum Beispiel ob NFTs die Märkte wirklich revolutionieren oder doch als unrealistische Zukunftsblase zerplatzen. Zeigen wird auch das der Zahn der Zeit, an dem sich eine Lindsay Lohan scheinbar gut festhält. Die bleibt übrigens optimistisch: „Es ist nur eine Frage der Zeit bis jede*r in Hollywood und darüber hinaus einsteigt. (…) Ich sehe eine Zukunft, in der Krypto, NFTs und Blockchain die Norm sind, und nicht die Ausnahme”, sagte sie gegenüber Forbes. You heard it here first.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich am 03. April 2021 veröffentlicht.

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