Läuft jetzt: Wie die virtuelle 080 Barcelona Fashion Week katalonisches Erbe & Zeitgeist verbindet

Foto: 080 Barcelona Fashion Week/Lera Mamba
Auf ihrem virtuellen Laufsteg macht die 080 Barcelona Fashion Week ab heute Talente der spanischen Metropole für Zuschauer*innen weltweit zugänglich. Alle Daten, Designer und Direktlinks gibt’s hier im Überblick.

Wenn man von Events spricht, die aktuellen Kontakteinschränkungen zum Opfer fallen, wird eine Fashion Week selten im selben Atemzug mit Clubs, Bars oder Konzerten genannt.  Meist liegt das daran, dass die Zugänglichkeit einer Modewoche für die Allgemeinheit unter normalen Umständen sehr viel beschränkter ist. Mit dieser Barriere macht die 080 Barcelona Fashion Week nun Schluss und wird dank Live-Streaming zum ersten Mal für User*innen weltweit zugänglich.

Ab heute bis Donnerstag: Die 080 Barcelona Fashion Week zeigt Shows & Talks

Enge, Hektik, geballte Menschenladung und Hierachien der Front Row – all diese vermeintlichen Kehrseiten einer Modewoche lösen sich in Luft auf, wenn von heute, 14. September 2020 bis Donnerstag, 20. September, insgesamt 21 Designer*innen und Labels ihre Designs präsentieren. Neben den Shows gibt es auch Talks zu Technologie und Mode-Business und zu ethischen Themen. So spricht zum Beispiel Valentinos Creative Director Pierpaolo Piccioli am Mittwoch mit Schauspielerin Rossy de Palma über Empathie in der Mode. Um 18.30 Uhr geht es heute Abend dann mit der ersten Show los. Den genauen Kalender und Zeitplan findet ihr weiter unten – denn dank Live-Stream (hier klicken) kann bei der 080 Barcelona Fashion Week jede*r in der ersten Reihe sitzen.

Sneak Peek: Auch die Designerin Eikò Ai wird ihre Designs in den Fluren der Jugendstilanlage Sant Pau zeigen. 

Unter dem Motto „Undress Your Mind“ präsentieren Designer*innen und Labels ihre Entwürfe für Frühjahr/Sommer 2021, die trotz des einjährigen Vorsprungs per „see now, buy now” Funktion vom Laufsteg gekauft werden können. Der kommt ebenfalls in unkonventioneller Form: Zwar findet die 080 Barcelona Fashion Week in diesem Jahr ohne Besucher*innen  statt, verzichtet aber nicht auf eine imposante und geschichtsträchtige Kulisse: die Jugendstilanlage Sant Pau. Noch bis 2009 wurde diese als Krankenhaus genutzt und anschließend als Museum restauriert. In dieser Woche laufen in den Katakomben des Gebäudes, in den Gärten und Tunneln aber eben Models für lokale Designer*innen und Labels – denn auch darum geht es vor allem bei der 080 BFW: katalonische Designsprache.

Von neuen Männlichkeitsbildern und Meerjungfrauen: Diese Designer zeigen bei der virtuellen Week

Viele der 21 Teilnehmer*innen stellen ihre lokalen Einflüsse dar, ohne dabei die Entwicklungen aktueller Zeitströme außer Acht zu lassen. So bringt zum Beispiel Guillem Rodriguez am Dienstagabend ein kontemporäres Männerbild in die katalonische Hauptstadt. Mit seiner „Dreamboy”-Kollektion gestaltet der Designer eine Hommage an den 70er-Jahre Film „Pink Narcissus” über einen Sexarbeiter. Durch homoerotische Symbolik will er das Bild einer Männlichkeit schärfen, in der sich Sexualität, Erotik und „Campness” nicht ausschließen. Rodriguez setzt neben seinem Überwinden von sozialen Grenzen dennoch auf klassische Schneiderkunst und will mit seinen Einzelstücken den hohen Wert von Handarbeit aufrecht erhalten.

Von NASA-geprüfter Baumwolle bis Swimwear aus dem katalonischen Umland – Ausblicke auf die Shows von Júlia G Escriba, Lera Mamba, All That She Loves oder Guillem Rodriguez.

So fühlte sich zum Beispiel auch Glo Lladò inspiriert – davon, im Handel nicht die künstlerische Fertigkeit zu finden, die sie seit 2018 mit ihrem Label Eikò Ai umsetzt. Für Lladò verkörpert ihre eigene Designsprache eine Verbindung aus Sophistication und bestärkender Botschaft für Frauen. Farben in Pastelltönen werden in ihren Designs zwar mit feinen Silhouetten ergänzt, zart besaitet sein sollen die Entwürfe trotzdem nicht – schließlich dient als Inspiration unter anderem auch das mysteriöse Wesen einer Meerjungfrau. Für ähnlich fantasievolle Kundinnen schneidert das Label Sita Murt, genauer gesagt für diejenigen, die „sich frei und mutig fühlen, für ihre Träume kämpfen und sich ihrem Umfeld gegenüber committen”. Dafür hält Sita Murt gleich drei Capsule Collections bereit, die von veganem Fur bis umfangreiche Farbpallette untereinander kombinierbar sind – so, dass sich jede Trägerin individuell in Murt ausdrücken kann.

Baukasten-Prinzip: Auf diesem Laufsteg kann man selbst designen

Das Label Lera Mamba übertragt den Designauftrag gleich ganz auf seine Kund*innen. Mit der passend als „Catalogue“ betitelten Kollektion zeigt die Brand auf dem Laufsteg nicht fertige Designs, sondern Vorlagen, die sonst für Prototypen verwendeten Nessel-Samples nahekommen und von Kund*innen individualisiert werden können. Dabei baut Lera Mamba vor allem auf einem nachhaltigen Produktionsprinzip auf: Die verwendeten Stoffe sind Produktionsüberschüsse und werden nicht extra für die Designs des Labels angefertigt. Lera Mamba will außerdem keinen saisonalen Trends hinterher hechten, sondern das Vererben seiner Unikate über Generationen fördern – ganz wie in einer „traditionellen Erzählung”. Einem ähnlichen Ansatz folgt auch das Label All That She Loves der Designerin Clara Esteve. Esteve ist Expertin für Swimwear und Lingerie und hat 2017 ihr Label aus dem eigenen Studio ins Leben gerufen. Auch für sie geht es darum, Trends hinter sich zu lassen und ihre Brand-DNA für sich sprechen zu lassen. Zu der gehören ein ausgeklügeltes Batik-Verfahren in Zusammenarbeit mit Kollaboratoren aus umliegenden Regionen wie Girona und Maresme.

Die Gegenden rund um Barcelona sind berühmt für jegliche Facette ihres stilistischen Selbstbewusstseins. Kunst aus Katalonien steht auf der einen Seite für einen offensiven Umfang mit Farben und Mustern, für Tradition und eine Stadt, die der Landeshauptstadt Madrid und Metropolen wie Paris, London und Mailand in ihrer DNA nichts nachsteht –  von Architektur bis Kleidung. Die Progressivität der Stadt wird auch in den Designs von Júlia G Escriba deutlich. Ihre Kollektion „JGE Future Term” hält, was der Name verspricht. Sie besteht größtenteils aus Baumwolle und enthält Technologien, die eigentlich für die NASA entwickelt wurden: JGE Future Term soll sich an das Mikroklima des Körpers anpassen. Escribas Motto ist es dabei nicht, ihren Futurismus als Fantasieprojekt auf den Laufsteg zu schicken, sondern als marketingerfolgreiche Initiative direkt an Konsument*innen zu übertragen. Barcelona steckt also immer mehr hypermoderne Einflüsse in seine stilistische DNA. Und wir sprechen nicht in Klischees, wenn wir sagen, dass genau dieser Mix auch in dieser Saison über den Laufsteg ziehen wird – das heißt, über den Bildschirm, natürlich.

Schaut im Laufe der Woche wieder auf blonde.de und auf unserem Instagram Account @blondemagazine für weitere Einblicke in die 080 Barcelona Fashion Week vorbei!

In Kooperation mit 080 Barcelona Fashion Week.

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