Sängerin Donna Missal im Interview: „Nur weil ich mit einem Mann zusammen bin, macht mich das nicht weniger bi.“

Donna Missal im Interview
Foto: Malia James
Sie kaut an den Fingernägeln wenn die Angstzustände wieder besonders schlimm durchkommen. Als wir Donna Missal vor ihrem Auftritt im Docks treffen, ist sie aber eher freudig aufgeregt und entpuppt sich schnell als einer dieser Personen, an deren Lippen man hängenbleibt. Wir wollten nach unserem intimen Talk über Zusammenhalt zwischen Frauen und ihre außergewöhnliche Karriere, die ein Beweis dafür ist, dass es sich lohnt, sich Großes zu gönnen, am liebsten mit ihr durchbrennen. In einem kleinen Van, Mucke bis zum Anschlag aufgedreht und ihre sanft-kitzelnde Stimme ständig im Ohr…

„Lange schrieb ich Songs für andere, aber nie mich selbst. Weil ich mich nie als Artist gesehen habe“, offenbart uns die Künstlerin Donna Missal noch bevor die Sprachnotizen-App zum Aufzeichnen kommt. Unser Interview beginnt direkt als sie durch die Tür kommt und endet irgendwo in einem der zahllosen Gänge des Docks Clubs auf Hamburgs Kiez. Heute steht sie dennoch als Voract von Lewis Capaldi auf der Bühne. Weil sie mit ihrem Songschreiberin-Konzept nicht weit gekommen sei, meint die Amerikanerin weiter. Auslegungssache, denn Künstler*innen wie Leon Bridges, Macklemore und Tinashe haben Donnas Songs für sich aufgenommen. Gut, dass sie damit nicht zufrieden war, denn seitdem hat sich die Tochter eines Musikers getraut, ihren eigenen, unverkennbaren Sound zu spreaden und ihren Raum einzunehmen. Ihre Platte „This Time“ ist ein zeitloses Stück Tonkunst, vollendet mit ihrer großzügigen Prise Femme-Power.

When women hate on other women, everybody loses. – Donna Missal „Girl“

Wieso hast du den Schritt auf die Bühne erst so spät gewagt?
Eigentlich war Musikerin schon immer mein Traumberuf. Eine lange Zeit über habe ich mir aber aus Scheu eingeredet, dass ich keine Musik machen möchte. Dass ich etwas ganz anderes in meinem Leben machen will, nur um mich vor Rückschlägen zu schützen.

Wie kam es dazu, dass du dich nach Jahren hinter den Kulissen schlussendlich heute doch auf der Bühne stehst?
Mein Manager hat mich mehr oder weniger drauf geschubst. Meine Demos sich nicht so krass angekommen, wie wir uns es erhofft hatten und dann meinte er irgendwann ich solle einfach mal einen Song releasen. Zum Glück!

Man lernt dich auf deinem Album „This Time“ persönlich und von vielerlei intimen Blickwinkeln kennen. Ein zentrales Thema, ist deine gefundene Unabhängigkeit.
Herauszufinden, was man selbst möchte – und zwar in allen Lebensbereichen – und zu erkennen, dass du dich ständig als Person veränderst, ist ein harter und langer Prozess. An seinem Ende aber steht Akzeptanz und Unabhängigkeit. Umso besser du dich verstehst, desto mehr ergibt alles um dich herum Sinn. Du fühlst dich selbstbewusster, unabhängiger und kraftvoller. In meinem Album geht es genau um diesen Prozess. Als ich nach Jahren an diesen Punkt angelangt war, habe ich mich gefühlt, als könnte ich von nun an meinen eigenen Raum in der Gesellschaft schaffen. Ich wusste: das ist meine Zeit und hier gehöre ich hin.

Vielleicht ist alles um mich herum zusammengebrochen, aber du bist es nicht.

Gab es auch Momente, in denen du dachtest, du seist falsch abgebogen?
Ja, natürlich. Ich denke, das kennt jede*r. Man sollte das Beste aus seinen Fehlern machen, nach vorne schauen und mit kleinen Schritten seinem Ziel entgegen gehen. Auf meinem neuen Album gibt es einen Song namens „Skyline“, der sich genau mit dieser Thematik beschäftig: Es ist total okay, falsche Entscheidungen zu treffen oder sich nicht auf der richtigen Spur zu befinden. Das ist es, was das Leben ausmacht.

Aus Fehlern nennt man bekanntlich am meisten, erkennt ihre Lehren aber erst nach einiger Zeit. Apropos: Stimmt es, dass du ein wenig besessen von dem Konzept von Zeit bist?
Absolut! Viele meiner Texte befassen sich mit der Thematik des vermeintlichen Zeitvertreibs. Wie oft ich dachte, ich würde meine Zeit mit Menschen vergeuden und etwas verpassen. Heute weiß ich, dass das absoluter Quatsch war.

Woran glaubst du ist diese Angst zustande gekommen?
Während ich „My Time“ aufgenommen habe, habe ich gemerkt, wie besessen ich von meiner Zeit hier auf der Erde bin. Besonders Frauen bekommen den Druck der Zeit zu spüren. Diese Annahme möchte ich durch meine Musik verlagern. Erst durch die Fertigstellung des Songs konnte ich endlich loslassen und anfangen, einfach zu leben.

In deinen Texten lässt sich erkennen, wie wichtig es dir ist, echte und tief gehende zwischenmenschliche Beziehungen  aufzubauen. Würdest du sagen, dass du vulnerable Musik machst, die von ehrlicher Emotionalität getrieben ist? 
Definitiv und mein größter Wunsch ist es, dass das meine komplette Karriere über anhält. Dass ich meine Kunst schaffen kann. Denn wenn man für etwas gefeiert wirst, was nicht von einem selbst kommt, dann hält das vielleicht für den Moment an, aber bringt einem schlussendlich auch nichts. Ich kümmere mich einfach einen Scheiß darum, was von mir erwartet wird und es interessiert mich ehrlich gesagt auch überhaupt nicht.

Mir ist es wichtig, Texte zu schreiben, die normale Menschen mit einer oberflächlich passiven Beziehung zu Musik dazu bringen, eine tiefere zu ihr aufzubauen.

Musikalisch ist das eine löbliche Einstellung. Gilt dasselbe auch für Donna Missal, die Privatperson? Auf Instagram hast du dennoch für deine sexuelle Identität eingestanden und folgendes gepostet: „Mein non-binärer Style und meine Vorliebe für beide Geschlechter hat nicht die Absicht, die homosexuelle Kultur zu schwächen, sondern sie anzunehmen und zu feiern. Sis, nur weil ich mit einem Mann zusammen bin, macht mich das nicht weniger bi.“
Wenn du als Person des öffentlichen Lebens deine Reichweite und Plattform nutzen möchtest, um Menschen die Möglichkeit zu geben, Thematiken offen und ehrlich anzusprechen, dann solltest du das tun. Ich zumindest tue es. Ich möchte ausdrucksstark sein und dabei stört, verängstigt oder ärgert es mich nicht, Menschen die ich nicht persönlich kenne, in mein Leben zu lassen und an meiner Sexualität und Meinung teilzuhaben – meinetwegen bis der Punkt erreicht ist, an dem die Kultur soweit entwickelt ist, dass es zur Normalität wird. Die Gesellschaft sollte nicht nur über Akzeptanz sprechen, sondern über Alltäglichkeit und Standards. So viele Menschen fühlen sich zu den unterschiedlichsten sexuellen Ausprägungen zugehörig. Ich bin eine davon und dafür stehe ich auch ein.

Ich habe das Ziel, Menschen außerhalb der LGBTQ-Community eine Chance zu geben, uns zu verstehen und uns nicht als negativ abzustempeln.

Donna Missal
Foto: Malia James

Du hast also kein Problem damit, dich deiner Community zu erklären, solange du dadurch aufklärst?
Naja, ich denke, dass die Thematisierung von Sexualität mit der öffentlichen Erklärung der eigenen Sexualität einhergeht. Diese öffentliche Diskussion ist wichtig, jedoch denke ich, dass einige Menschen außerhalb meiner Community noch immer nicht verstehen, was das alles eigentlich soll. Was es bedeutet, bisexuell zu sein oder sich generell mit der LGBTQI-Orientierung zu identifizieren. Genau diese Menschen brauchen eine Erklärung und verdienen eine Darstellungsform, die ihre Meinung verändern oder wenigstens lockern kann. Das ist es, worüber es wirklich geht: Ich möchte nicht meine „Gay-Community“ um mich herum scharen und mich und meine Sexualität in diesem Kreis feiern lassen. Nein, ich habe das Ziel, Menschen außerhalb dieser Gruppe eine Chance zu geben, uns zu verstehen und uns nicht als negativ abzustempeln. Ich komme aus den USA, aus dem tiefsten Texas, und da bin ich oft auf hartes Unverständnis und Verurteilung gestoßen. Jetzt lebe ich in Los Angeles und da triffst du an jeder Ecke auf skurrile und außergewöhnliche Persönlichkeiten, bei denen Akzeptanz Normalität ist. In den sozialen Medien, bist du aber auf einmal mit Menschen aus der ganzen Welt konfrontiert. Das bringt halt seine Herausforderungen mit sich.

Wie denkst du im Allgemeinen über die unendlichen Möglichkeiten der sozialen Netzwerke?
Wann immer ich für mich persönlich merke, dass die Welt der Sozialen Medien zu viel wird, logge ich mich aus. Und das halte ich dann auch den Tag über durch. Mit der globalen Vernetzung gehen sowohl positive als auch negative Dinge einher. Ich denke, der einzige Weg damit richtig umzugehen ist, die negativen Aspekte zu akzeptieren und konstruktiv herauszufinden, wie man sie beheben kann. Am Ende des Tages wollen wir alle dasselbe: echte Verbindungen zu einander aufzubauen. In der Realität wird aber oftmals ein Gefühl von Isolation geschaffen. Doch wer als User verantwortungsbewusst und respektvoll mit diesem Instrument umgeht, wird es für ihn mehr Hute als Negatives daraus ziehen.

Um wieder zu deiner Musik zu kommen: In deiner neuesten Single „You Burned Me“ thematisierst du den Herzschmerz von einer beendeten Beziehung. Wie hast du sich wieder zusammengeflickt?
Mein größtes Learning daraus ist, sich nach einer Trennung nicht zu isolieren. Ich weiß, es ist wirklich schwer, andere Menschen an seiner Gefühlswelt teilhaben zu lasen, weil man denkt, niemand anderes könne diesen Schmerz nachvollziehen. Sich Menschen anzuvertrauen, wenn man gerade verletzt wurde, ist nicht einfach, hilft aber ungemein. Isolation führt häufig dazu, sich in eine Spirale au negativen Gefühlen hinein fallen zu lassen. Letztendlich steht man sich und seiner Entwicklung dadurch selbst im Weg. Ich habe gelernt: Diese Zeit ist viel leichter durchzustehen, je mehr Menschen du in dieser Situation an dich heranlässt. Ich musste dies leider auf die harte Tour lernen, aber das ist es auch, worum sich mein Song dreht. Vielleicht ist alles um mich herum zusammengebrochen, aber du bist es nicht.


Noch mehr Interviews mit Künstler*innen, die in jede Playlist gehören findet ihr hier:
Gehört zum guten Ton: Singer und Songwriterin Joy Crookes im Interview
Sara Nuru im Interview: „Frauen müssen in der Businesswelt sichtbarer werden”
Sängerin Lary im Interview: „Mein Blick auf die Welt ist von Melancholie geprägt“

Written By
Mehr von Martyna Rieck

Leben mit Social Anxiety: „Oh fuck! Da ist sie, die Panikattacke!“

Social Anxiety ist eines dieser Buzzwörter, das besonders seit Instagram immer häufiger...
Read More