Was steckt hinter den Aktionen für mehr gendergerechte Artikel auf Wikipedia?

Foto: Christina Morilllo/Pexels
Die Geschlechterverteilung der Wikipedia-Artikel ist in einer Schieflage, die patriarchale Strukturen bestens reflektiert. Zum dritten Mal soll ein Schreibmarathon von und mit Frauen das nun ändern. Was ist das Ziel und wer ist gemeint? Ein kurzer Überblick.

Demokratisierende Informationsvergabe vs. falsche Fakten und diskriminierende Inhalte: Von Wikipedia können wir halten, was wir wollen. Die Enzyklopädie aber bleibt, wie sie ist. Oder? Die Macht des Lexikons ist nicht zu unterschätzen, kann Meinungen bilden und ist Priorität in Suchergebnissen. Und auch, wenn zu Recht immer wieder eingetrichtert wird, dass eine Quelle, in der jeder Mensch theoretisch einen Beitrag schreiben könnte, eben genauso viele Perspektiven wie Anfälligkeiten mit sich bringt, greifen doch genug von uns für die schnelle Info darauf zurück. Nicht nur deshalb ist es wichtig, dass diese Infos in gleichmäßiger Verteilung verfügbar sind. Im Fall der Wikipedia-Artikel und den Autor*innen dahinter soll das heißen: Es braucht mehr Artikel über Menschen, die keine cis Männer sind.

Unter 2,6 Millionen deutschsprachigen Artikeln sind nur 10 Prozent von Frauen verfasst, 1 Prozent der Autor*innen gab das Geschlecht als divers an.

Wie gendergerecht sind Wikipedia-Artikel verteilt?

Aus genau diesem Grund wurde vor wenigen Tagen zum dritten Mal eine Initiative eingeleitet, die bereits seit 2 Jahren besteht: #100WomenDays folgt der Bestrebung, von November bis zum feministischen Kampftag am 08. März so viele Artikel von und über Frauen in der Online-Enzyklopädie hochzuladen wie möglich. Denn: Unter den 2,6 Millionen deutschsprachigen Artikeln sind nur zehn Prozent von Frauen verfasst, 1 Prozent der Autor*innen gab die Option „divers” an (Quelle: DLF Kultur, Deutsche Welle). Nur rund 19 Prozent der Biografien auf ganz Wikipedia handeln von Frauen (Quelle: Deutsche Welle). Gründe für diese beiden Missverteilung sollen nicht nur patriarchale Strukturen sein, sondern auch deren Ergebnisse, in denen Frauen durch Care-Arbeit weniger Zeit oder nach wie vor keinen gleichberechtigten Zugang zu Wissenschaft hatten bzw. haben.

Ein Beispiel für gelöschte Wikipedia-Artikel ist immer wieder Nobelpreisträgerin Donna Strickland, die 2019 den Preis erhielt, nachdem der Artikel über sie kurz zuvor aufgrund von „mangelnder Relevanz” gelöscht worden war.

Wer schreibt über wen?

Wer ist mit Frauen gemeint? Innerhalb der Wikimedia-Community sollen Bestrebungen wie „#100WomenDays“ insofern intersektional sein, als dass sie in ihrem Blogartikel ihrer Bezeichnung von Frauen das – für die Bezeichnung einzelner Gender umstritteneSternchen hinter dem Wort Frauen führen. Das ist wohl so zu interpretieren, dass mit Frauen nicht nur cis Frauen gemeint sind. Weitere Angaben, Fokus oder Daten zu marginalisierten Frauen gibt es nicht. Von einem binär gedachten Frauenanteil sprechen vielleicht auch die oben genannten Daten, die es zu der Verteilung unter den Autor*innen der Wikipedia-Artikel und den aufgeführten Personen gibt. Exakte Zahlen und Erhebungsmethoden variieren hier allerdings. Die Wikipedia-Artikel, die es bereits über Frauen gibt, laufen jedenfalls eher Gefahr, gelöscht zu werden. Ein Beispiel dafür ist immer wieder Nobelpreisträgerin Donna Strickland, die 2019 den Preis erhielt, nachdem der Artikel über sie kurz zuvor aufgrund von „mangelnder Relevanz” gelöscht worden war.

Neben der eigenen Wikimedia-Aktion gibt es noch weitere Projekte, die sich für einen Ausgleich in der Datenbank einsetzen. Foto: Ron Lach/Pexels

Welche Projekte gibt es noch?

Und über die Initiativen wie #100WomenDays hinaus gibt es einige weitere Aktionen dafür, innerhalb der Online-Enzyklopädie einen Ausgleich zu schaffen. Zum 20. Geburtstag von Wikipedia berichteten einige deutsche Medien, darunter Fluter, über feministische Schreibwerkstätten wie „texture“ in Berlin. In regelmäßigen Workshops hatte das Projekt dreier Studentinnen es sich zum Ziel gesetzt, die Präsenz und damit auch die Anerkennung verschiedener Gruppen in der Datenbank zu steigern. Dafür traf sich das Kollektiv immer wieder in Berlin. „Wir wollen in unserer Schreibwerkstatt Wikipedia-Einträge in Bezug auf Geschlecht, Wissenschaft, Kunst, Aktivismus reflektieren und editieren, um feministische, queere, nicht-weiße, marginalisierte Wissenschaftler*innen, Filmemacher*innen, Theoretiker*innen, etc. auf Wikipedia sichtbarer zu machen”, heißt es auf ihrer Website. „Dabei geht es uns nicht nur um das Erstellen neuer Einträge, sondern auch die Aktualisierung und kritische Hinterfragung bereits bestehender Artikel. Wir laden Menschen aller Geschlechtsidentitäten und -ausdrücke zur Teilnahme dazu ein, gemeinsam zu editieren, sich auszutauschen, zu schreiben oder übersetzen.” Und auch die Wikipedia-Autorin IvaBerlin wird immer wieder in Beiträgen zum Thema Genderausgleich der Enzyklopädie zitiert. „Ich bin froh, dass es im Laufe meines Engagements einige Veränderungen gab“, sagte sie gegenüber der SZ. „Inzwischen [lässt sich] eine ‚Mail an diese Benutzerin schreiben‘. Und seit Anfang des Jahres gibt es ‚Benutzerinnenseiten‘, wenn eine Person weiblich angeredet werden will.“

Nicht nur Texte sind ein Problem

Es liegt aber nicht nur in der „Repräsentation“ allein: Auch in den bereits bestehenden Inhalten sei die Sprache zum Beispiel sexistisch, wie das MIT herausfand. Ähnliches gilt für die Bebilderung, wie Autorin Grizma im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur schildert. Das ist eben wenig verwunderlicher, wenn 81% der bisherigen Sichtweisen (cis) männlich sind.

Wie viele Artikel dann geschafft wurden, wird sich am feministischen Kampftag 2022 sagen lassen. Vielleicht dann, wenn Schlüsselfiguren der Kampfbewegung wieder zitiert und gerepostet sollen – sofern ihre Biografien denn im Netz zu finden sind.

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